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Archiviert für eine Million Jahre

Das "Human Document Project" will Informationen dauerhaft sichern.

Wie  lange  lassen  sich  Dokumente aufbewahren? Und auf welchem Datenträger – Papier, CD, Festplatte, USB-Stick? Jeder kennt das Problem, und manche erinnern sich bestimmt noch an Floppy Disks, Kassetten,  Super-8-  oder  VHS-Videofilme und Tonbänder. Diese Datenträger sind vom Markt mehr oder  weniger  verschwunden  und  gelten längst nicht mehr als geeignete Speichermedien zur dauerhaften, zukunftsfesten Datensicherung. Aber wie soll man wissen, welches Medium, welche Technik im Jahr 2525 noch funktioniert und entziffert werden kann – mit den entsprechenden  Geräten?  Dabei  gelten 500 Jahre als extrem lange Zeitspanne, denn digitale Daten haben eine wesentlich kürzere Haltbarkeit als Bücher oder Keilschriften.

Freiburger Wissenschaftlerinnen und  Wissenschaftler  und  ihre  Kolleginnen  und  Kollegen  vom  „Human Document Project“ hegen ambitionierte  Pläne:  Sie  haben  sich vorgenommen, die Frage zu beantworten, wie man Informationen für eine Million Jahre haltbar machen  kann.  Um  sich  die  im  Grunde unvorstellbaren Dimensionen klarzumachen: Es geht um einen Zeitraum von 10.000 Jahrhunderten – oder 1.000 Jahrtausenden. Außer vielleicht Atommüll dürften die wenigsten vom Mensch erzeugten Produkte so lange überdauern, könnten Skeptikerinnen
und Skeptiker einwenden.

Ingenieure und Archivare
Das „Human Document Project“ befasst sich mit allen relevanten Aspekten der Datenspeicherung: Inhalt, Speichersysteme, Technologie, Materialien der Datenträger, Schutz der Speichermedien, Codierung. Die diesjährige Konferenz des Projekts hat der Physiker und Ingenieur Gerald Urban, seit 1996 Professor für Sensoren am Institut für Mikrosystemtechnik (IMTEK) der Universität Freiburg, als Senior Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) organisiert: „Mir war es sehr wichtig, dass wir extrem interdisziplinär aufgestellt sind: das heißt, den Geisteswissenschaftlern  die  neuesten  technologischen und softwaretechnischen Entwicklungen zu präsentieren und umgekehrt den Naturwissenschaftlern und Technologen die Herausforderungen der Bibliothekare und Archivare nahezubringen.“

Mal von der Materialfrage und der technischen Seite abgesehen: Was genau soll an die nächsten Zigzehntausend Generationen weitergegeben  werden?  „Wichtige Aspekte zeitgenössischer Kultur“, so die etwas nebulöse Antwort. Doch was soll das sein? Für diese Frage ist unter anderem der Althistoriker  Prof.  Dr.  Hans-Joachim  Gehrke zuständig, der von 1987 bis 2008 eine Professur an der Universität Freiburg innehatte und sich als Director of Outreach für das University College Freiburg engagiert. „Für Historikerinnen und Historiker ist der Wandel interessant und insbesondere dramatische Veränderungen wie ein kultureller Bruch.“ Aber selbst wenn ein Diktator sämtliche Dokumente vernichten ließe, US-Forscher ihre Klimadaten seit Beginn der Präsidentschaft Donald Trumps außer Landes speichern würden, eine gigantische Ökokatastrophe hereinbräche oder ein Meteorit auf die Erde stürzte – „es bleibt immer etwas, es gibt keine Stunde null“, sagt Gehrke.

Für die Ewigkeit gemacht
Ein zukunftssicheres Dokument müsste auch solche Ereignisse überstehen können. Als Beispiele für diese Langlebigkeit führt der Althistoriker die gebrannten Tontafeln  der  Babylonier  oder  die  Pyramiden der alten Ägypter an: „Das war für die Ewigkeit gedacht und  gemacht,  auch  wenn  viele  Herrscher bewusst Informationen über ihr Wirken gelenkt haben wie beim Gilgamesch-Epos oder beim Codex Hammurabi.“ Doch häufi gehe Wissen eben auch verloren: So  hat  die  US-amerikanische  Raumfahrtagentur NASA keinen Zugriff mehr auf die Daten der ersten Mondlandung. Und die datiert vom 20. Juli 1969, ist also noch nicht mal 50 Jahre her. Gemessen an den zeitlichen Dimensionen des „Human Document“-Projektes geradezu lächerlich.

Hartes in Weichem
Im ägyptischen Nildelta fand ein französischer Offizier 1799 eine Steintafel mit einer dreisprachigen Inschrift  aus dem  Jahr  196  vor Christus, die maßgeblich zur Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen beigetragen hat. Der berühmte Stein von Rosette, übrigens 762 Kilogramm schwer – ein Zufallsfund. Der Chemiker, Ingenieur und ehemalige FRIAS-Fellow Prof.Dr. Andreas Manz vom Korea Institute of Science and Technology Europe, der am Projekt mitwirkt, bringt es auf die einfach klingende Formel: „Wir wollen etwas liegen lassen.“ Wie Zufallsfunde, könnte man hinzufügen, aber bewusst gesteuert.  Er  wünscht  sich  einen „Rosette-Stein für digitale Informationen“. Beispiele für gelungene Langzeitüberlieferung fallen ihm spontan ein: „Der DNA-Code von Hämoglobin ist sicherlich Milliarden Jahre alt. Und der Bernstein, der in der Nordsee gefunden wurde, 50 Millionen Jahre.“

Die Forschenden präferieren ein altes  Rezept,  das  der  Fossilien:  „Man muss ein hartes Objekt in etwas Weiches, aber nicht zu Weiches hineinlegen“, sagt Manz. Nach jetzigem Forschungsstand ist dies eine wenige Gramm schwere, zehn Zentimeter große runde Scheibe aus Silizium, einem Monokristall, anorganisch und nicht korrodierbar, also widerstandsfähig gegen Zerfall. In diesen so genannten Wafer hat Manz’ Student Park Jukyung Informationen geätzt, und zwar analog. Mit bloßem Auge lassen sich einige Zeichen erkennen: Mann, Frau, Baum, Karotte, Sonne, Berge, Blume, Feuer, Vogel, Fisch. In vier Sprachen und drei Schriften. Mit einer Lupe oder einem Mikroskop kann man weitere Inhalte entdecken. Wissenschaftler der US-amerikanischen Universitäten Stanford und Harvard hingegen verfolgen den Ansatz, Informationen in die menschliche DNA einzuschleusen.

Während die Urgeschichte, zumindest nach derzeitigem Kenntnisstand, noch ohne Bilder oder schriftliche Zeugnisse auskam, ist zwischenzeitlich das Zeitalter der Bilderflut angebrochen. Wie soll man da das Relevante auswählen – für die Menschen, die Tausende von Generationen später den Erdball bewohnen? Oder besuchen? Fragen über Fragen. Im Grunde geht es nur um eine einzige Frage: Was bleibt? Und vielleicht fragen sich die Beteiligten, ob sie möglicherweise  an  der  Entstehung  einer neuen Disziplin arbeiten. Um diese Frage zu beantworten, ist es noch zu früh. Vielleicht wäre es sinnvoll,  in  einer  Million  Jahre  nachzufragen.

Alexander Ochs / Beitrag uni'leben 04'2017